15. Dezember 2017
03:23 Uhr
Deutschland
10. November 2016

Das Märchen vom starken Mann

Bürger oder Untertan – nach Trumps Wahl muss das Volk sich entscheiden

Es war einmal eine Zeit, da lenkten Könige die Geschicke des Volkes. Sie entschieden über Krieg und Frieden, sie unterschieden zwischen Freund und Feind. Sie regierten mit harter Hand, ihr Wort galt als Gesetz.

Es ist nun eine Zeit, in der Donald Trump sich einreiht in eine Gruppe von Staatsmännern, die sich königsgleich inszenieren und ihrem Volk das Heil versprechen: Erdogan in der Türkei, Putin in Russland, Orban in Ungarn, Temer in Brasilien. Kehrt die Zeit der Könige zurück? Nein, noch nicht. Denn Könige brauchen Untertanen. Untertanen sind Objekte. Ausführer, Hinnehmer, Einstecker.

Eine Demokratie – und alle genannten Staaten sind zumindest auf dem Papier Demokratien – sieht keine Objekte vor. Sie lebt von Subjekten. Einem Volk aus mündigen Bürgern einerseits, die reflektieren, mitgestalten und – wann immer nötig – Einspruch erheben. Einer Exekutive andererseits, die sich dem konstruktiven Dialog mit allen Bürgern verpflichtet fühlt.

Spätestens mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist eine Zeit angebrochen, in der die Bürger aller Demokratien sich fragen müssen, ob sie tatsächlich Gegenwart und Zukunft in die Hände ihrer Führer legen wollen, die polternd einfache Lösungen versprechen. Wer glaubt, er könne sich wohlig zurücklehnen und die starken Männer machen lassen, der sitzt einem Märchen auf. Weder gibt es einfache Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit, noch gibt es den starken Mann, der sie allein meistert. Jeder Staatsmann braucht ein gesellschaftliches Korrektiv. So blendend die Aura machtgieriger Egomanen in diesen Tagen vielen erscheinen mag, so düster wird das Erwachen sein. Zu oft schon haben sich vermeintlich starke Männer nicht als Lösung sondern als Problem entlarvt – mit fatalen Folgen.

Mitzugestalten in Zeiten von Krieg, brodelnden Krisenherden, großen Flüchtlingsbewegungen und ökonomischer Unsicherheit erfordert Kraft, Ausdauer und Mut. Wer es nicht wagt hilft den Erdogans unserer Zeit, alles zu zertrumpeln, was Bürger weltweit über Jahrhunderte hinweg erkämpft haben. Ein mündiger Bürger darf sich heute nicht durch die Wahl eines scheinbar starken Mannes aus der Verantwortung stehlen. Sonst ist er bald wieder ein Untertan. Nichts wird einfacher dadurch, dass einer die Vergangenheit verklärt, in der Könige die Welt in Freund und Feind teilten. Dennoch sind die Könige nicht gestorben. Sie leben noch heute – als Diktatoren, Despoten, Usurpatoren. Sie kommen immer dann zurück, wenn das Volk nicht achtgibt.


31. Dezember 2013

Von Alphamenschen und Armutsflüchtlingen

Politiker buhlen mit billigen Parolen um Stimmen und urteilen unverantwortlich

 „Wer betrügt, der fliegt“. Aus der Casting-Show? Nein, werte Freunde: aus dem Land. Willkommen im Jargon der CSU, der Partei der blauweiß geäderten Alphamenschen.

Der erste Januar naht und mit ihm die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren. Höchste Zeit, auf die Jagd zu gehen, scheint sich da so mancher zu denken. Besser gesagt: zum Angeln. Denn wer solche Parolen ausgibt, fischt am rechten Rand. Bereitet sich die CSU so auf ein mögliches NPD-Verbot vor?

„Armutsflüchtling“ heißt der gemeinsame Feind, mehr muss man gar nicht sagen. Das ist Reiz genug für eine Masse, die griffige Slogans aus dem Unterhaltungsfernsehen kennt und fordert. Politiker verschiedener Couleur haben das längst erkannt und genutzt. Sicher, ein guter Politiker sollte es beherrschen, schwierige Themen auf einen einfachen Nenner zu bringen. Aber er sollte es tunlichst vermeiden, auf primitive Weise die Ängste der Menschen zu schüren. Das ist schon viel zu oft schief gegangen.

Stattdessen sollten sich unsere demokratisch gewählten Volksvertreter auf ihre Aufgabe besinnen. Politiker sollen Lösungen suchen, wie die Gesellschaft weiterhin friedlich und in Freiheit zusammenleben kann – auch dann, wenn sie sich stetig verändert. Sie sollten das System so umgestalten, damit Menschen darin ein besseres Leben suchen können, ohne dass es kollabiert.

Denn wer sind überhaupt jene sogenannten Armutsflüchtlinge, vor denen sich die Sonnenkinder Bayerns so fürchten? Es sind die Menschen, die täglich entkräftet im italienischen Lampedusa stranden, es sind Menschen, die aus Rumänien und Bulgarien kommen; und es sind die jungen Spanier, Italiener und Griechen, die vor der Krise in ihrer Heimat fliehen.

Doktoren finden sich unter ihnen, Akademiker, kluge Leute verschiedener Fachrichtungen, ehrliche Leute ohne Ausbildung und, sicher, auch Gauner. Sie alle eint der menschliche Wunsch, ein ruhiges und sicheres Leben zu führen. Ein Privileg übrigens, mit dem die CSU ganz offensiv für Bayern wirbt.

Aber gilt das nicht für Alle gleich? Offenbar nicht. Im vorherrschenden Duktus deutscher Politiker bemisst sich der Wert eines Menschen für die Gesellschaft nach seinem Pass.

Glücklich derjenige, der einen europäischen in der Tasche hat, am besten westeuropäisch. Auf diese Weise zu urteilen ist nicht nur nicht intelligent, es ist unverantwortlich. Für einen Politiker, dem etwas an der Demokratie liegt, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist, muss es ein Tabu sein.

Und ein Bürger, der in einem Land lebt, dessen Pass ihm die Freiheit gibt, beinahe überallhin zu reisen, der sollte seine Politiker im Auge behalten. Zumindest dann, wenn ihm etwas an der Freiheit liegt, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist.


16. Dezember 2013

Deutschland reist mit Dorf

Die Nationalelf weiß jetzt, wo sie während der WM wohnt

Nein, das Dorf im brasilianischen Bundesstaat Bahia werde nicht extra für die Nationalelf gebaut, beeilte sich Manager Oliver Bierhoff zu versichern. Tatsächlich: während der Lektüre der Pressemitteilung des DFB zur Unterkunft der Mannschaft während der WM 2014 entsteht der Eindruck, „Campo Bahia“ gebe es schon seit langem. Erst im zweiten Teil wird klar, dass sich dieses Konglomerat des Wohlbefindens noch im Bau befindet – unter der Federführung einer Münchner Unternehmerfamilie.

Das ist doch schön: Dass man auch in der Ferne weiß, was man hat. Deutsche Wertarbeit mit höchstem Anspruch inmitten einer tropischen Strandidylle. Wo offensiver Luxus herrscht, da ist die obligatorische Wohltat oft nicht weit. Selbstverständlich darf das Waisenhaus nicht fehlen, das von den Investoren unterstützt wird.

Das „Projekt“, wie es in der Mitteilung weiter heißt, unterstütze die lokale Bevölkerung, indem es die Infrastruktur langfristig verbessere. Welche Möglichkeiten erschließen sich für ein Fischerdorf durch ein abgeschirmtes Luxusressort? Ob die Gäste den heimischen Fisch verzehren werden? Zumindest im Fall von Jogi Löws Goldjungs darf das bezweifelt werden: Denn liefert ein gewöhnlicher Fisch Omega-3-Fett-Säuren in der nötigen Qualität? Und haben die zarten Mägen der Nationalhelden in der stressigen WM-Phase Zeit, sich auf Lebensmittel aus anderen Breitengraden eizustellen?

Höchstens dem FC Bayern-Spieler Dante könnte das gelingen. Der kommt nämlich aus Bahia. Blöd nur, dass er keinesfalls für Deutschland aufs Feld sprinten wird sondern vielleicht für Brasilien. Ganz klar ist das noch nicht, der brasilianische Trainer will die endgültige Mannschaft des WM-Gastgeberlandes nämlich erst Anfang Mai 2014 vorstellen. Umso beruhigender erscheint es da, dass „Campo Bahia“ im März fertiggestellt wird, damit die längst stehende deutsche Elf im Juni anreisen kann, um sich standesgemäß zu akklimatisieren.

Die kurzen Entfernungen zu den Spielorten sei ihnen wichtig gewesen, sagte Bierhoff, um die Strapazen für die Spieler gering zu halten. In dem Ressort, das in einer Bildergalerie auf der DFB-Seite bestaunt werden darf, könnten die Spieler sowohl entspannen als auch trainieren. Wie schön! Doch worum geht es hier eigentlich? Um ein Spiel, für das einmal nicht mehr nötig war als ein Ball, ein bisschen Platz und ein paar Leute, die Lust haben, zu spielen?

Seit der Ball Millionensummen bewegt, scheint das zumindest hierzulande vergessen. Dafür spricht nicht zuletzt der Heldenmythos, den raffinierte Marketingstrategen lohnend um die Spieler spinnen. Da rollt der Ball dem Rubel hinterher und die Helden verlassen sich lieber auf das, was sie eh schon kennen. Bei diesem teuren Streben nach Weltklasse reist das Dorf im Kopf stets mit.

Übrigens entstehe „Campo Bahia“ in der Nähe des Entdeckungsortes Brasiliens, erklärt der DFB. Dass seit längerem die Frage im Raum steht, wer hier wen entdeckt hat, erwähnt er freilich nicht: das Land die Europäer? Darauf hätte es vermutlich verzichten können.


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