15. Dezember 2017
03:23 Uhr
Deutschland
29. Juli 2013

Billige Arbeit hat einen hohen Preis

Die Zunahme von Niedriglohnjobs wirft die Gesellschaft um Jahrzehnte zurück

In diesem Jahr wird gewählt – endlich. Denn so gewinnt die Frage, wie es mit der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes weitergehen soll, auch ein wenig die Aufmerksamkeit der Politik. Die Streitparteien debattieren über den Mindestlohn, befristete Beschäftigung und Gerechtigkeit. Doch keine der Diskussionen geht weit genug.

Je mehr Menschen ihr Erwerbsleben mit Niedriglohnjobs bestreiten, desto mehr arme Alte wird es in wenigen Jahren in der Bundesrepublik geben. Wer behauptet, dieses Problem betreffe vor allem gering qualifizierte Beschäftigte, der stellt eine Milchmädchenrechnung auf. Denn der Volkswirtschaft gehen durch schlecht bezahlte und kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse nicht nur schon heute Milliarden an Steuergeldern verloren. Wer es zudem in der Gegenwart fördert oder auch nur in Kauf nimmt, dass arbeitende Menschen sich von ihrem Lohn keine Zukunft aufbauen können, der duldet, dass auch die Mittelschicht von morgen dafür teuer bezahlt.

Doch wie wird die Mittelschicht von morgen aussehen? Manche Wissenschaftler setzen ihre Hoffnung auf den demographischen Wandel: Je weniger Junge es gebe, desto gefragter seien sie am Arbeitsmarkt und desto besser müssten sie verdienen. Zumindest bisher ist von dieser Entwicklung wenig zu sehen. Vielmehr scheint es, dass sich die bekannte Redewendung „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ verwandelt hat, und zwar in etwa so: „Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage können wir Dich nach Deiner Lehre nicht übernehmen. Stattdessen können wir Dir ein Praktikum oder eine weitere Lehre anbieten.“

Junge Berufseinsteiger, die diese Botschaft zur Genüge kennen, wissen, wie schwer es ist, sich unter diesen Umständen den eigenen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu erkämpfen. Geschweige denn Selbstbewusstsein und das Wissen zu entwickeln, dass Mühe sich lohnt. Die ohnehin schon knappen Möglichkeiten, in eine stabile Mittelschicht aufzusteigen, schrumpfen - genau wie die Mittelschicht selbst.

Zudem leisten wir es uns nach wie vor, das Wissen der Älteren auf dem Dachboden verstauben zu lassen. Stattdessen werden 58-jährige Computerfachleute in Umschulungen geschickt, in denen aus selbstbewussten Experten flexible Hausmeister gemacht werden sollen. Wer sensibel ist, der zerbricht daran. Da nutzt es auch nichts, wenn man das Ganze nicht „Hausmeister“ sondern „Facilitiy Manager“ nennt.

Je mehr Menschen jeden Monat besorgt die Tage bis zum nächsten Ersten errechnen, desto rasanter bewegen wir uns auf das zu, wogegen sich zunehmend selbstbewusste Mittelschichten in Schwellenländern wie Brasilien gerade auflehnen: Dagegen, ein Volk von Haushaltshilfen, Handlangern, Mini- und Midijobbern, Ich-AGs und Schwerstarbeitern zu sein, das mit viel Kraft und Improvisation ums Überleben kämpft. Und das, während sich eine inkompetente und ignorante Elite ihre Pfründe sichert. Fortschritt nennt man gemeinhin etwas anderes.

Überhaupt, die Elite: Die jüngeren Vertreter dieser Gruppe haben es verstanden, ihr Selbstverständnis zu modernisieren. Die Arroganz haben sie bewahrt, das Ehrgefühl oder Verantwortungsbewusstsein, das zumindest unter manchen ihrer Vorgänger zur Pflicht gehörte, haben viele längst über Bord geworfen. Wie kann man sich sonst einen Bundespräsidenten Wulff erklären, der erst Monate nach Amtsantritt lernen will, ein „guter Präsident“ zu sein. Oder Politiker und Manager, die sich weder Verantwortung noch Fehlern stellen?

Ein solches Verhalten derer, die gerade in schwierigen Zeiten Vorbilder sein müssten, trägt dazu bei, dass nicht nur die Reallöhne weiter auseinanderdriften, sondern auch die Bevölkerungsgruppen an sich. Wir müssen uns dringend überlegen, ob wir tatsächlich auf eine Kultur setzen wollen, in der einem wachsendem Teil der Bevölkerung der Stempel "wertlos" aufgedrückt wird.

Denn soviel ist klar: Ein Volk aus gebeugten Menschen ist kein stabiles Fundament für einen modernen, zukunftsfähigen und starken Staat. 


09. Januar 2013

Açaí, Teil eins: Brasilien ist sexy

Der aufsteigende Staat im Süden könnte alles anders machen

Wenn es in Brasilien so heiß ist, dass die Menschen sich wie Reptilien bewegen, damit die Hitze nicht auf sie aufmerksam wird, dann greifen sie gern zur Schüssel. Darin: Açaí (sprich: Assa-ih). Die kleine schwärzliche Frucht wächst in großen Trauben auf sehr hohen Bäumen. Barleute bieten sie als dicken Brei oder Saft an - mit Wasser verdünnt und verrührt mit einer guten Portion Zucker schmeckt sie köstlich und erfrischt von Innen.

Vor einiger Zeit schon ist Açai in deutschen Apotheken aufgeschlagen. Als Pulver in recht kleinen Fläschchen wird die Frucht dort verkauft, gesalzen im Preis, gepriesen für den hohen Vitamingehalt und die große Menge an natürlichen Antioxidantien. Nun hat es das Früchtchen auch in die Welt des Lifestyles geschafft: in einer schlanken, schwarzen Dose wartet es als Bestandteil eines Energie-Mix-Getränks in Supermärkten auf hippe Konsumenten.

Ob es einem schmeckt oder nicht – diese Dose bringt eines auf den Punkt: Brasilien ist sexy. Alles, was den Beinamen "Brazilian" trägt, scheint sich besser zu verkaufen. "Brazilian Waxing", "Brazilian Jiu-Jitsu" - ob es Sinn macht oder nicht. Während die große Macht im Norden strauchelt und längst nicht mehr davon ausgehen kann, dass die Welt sie als selbstverständlichen, kulturellen Wegweiser anerkennt, wächst im Süden ein neuer Gigant heran. Und der hat gute Karten. Denn von Außen wird Brasilien beinahe ausschließlich mit positiven Eigenschaften belegt: dynamisch, lebensfroh, bunt, jung, voller Energie, reich an Kulturen und Ressourcen, weltpolitisch unbefleckt.

Firmen aus aller Welt versuchen, mit dem Land ins Geschäft zu kommen - Deutschland ist ganz Vorne mit dabei. Arbeitnehmer aus den krisengeschüttelten Euroländern bemühen sich um Visa, um jenseits des Atlantiks ihr Glück zu versuchen. Innerhalb Lateinamerikas hat Brasilien längst eine Führungsrolle übernommen – mit einer Frau an der Spitze, die Folter und Leid der Militärdiktatur ertragen hat, um nun als Präsidentin konsequent für Demokratie zu stehen.

Beinahe traumhaft mutet das an und Idealisten spüren hier ein fabelhaftes Potenzial: Brasilien könnte alles anders machen. Als einziger der Bric-Staaten - der aufstrebenden Alternativmächte Brasilien, Russland, Indien und China - könnte es ein neues, anerkanntes Vorbild werden. Eines, dass mit sanfter Hand leitet, mit Respekt regiert, die Anderen und Schwachen achtet, die Natur schont und die Welt durch Begeisterung mitreißt.

In Brasilien selbst gibt es dafür ein paar Anzeichen, aber nicht viele. Nach Jahrzehnten wächst dort langsam eine Mittelschicht heran. Die Regierung Lula da Silva hat den Ärmsten um die Jahrtausendwende Aufmerksamkeit geschenkt und eine Art Grundversorgung mit dem Namen „Null Hunger“ ins Leben gerufen. Präsidentin Dilma Rousseff bekämpft mutig die Korruption – auch in den eigenen Reihen.

Brasilien ist stark genug, um Ärmeren Hilfe anzubieten. Erfahren darin, was der Einfluss ausländischer Mächte bedeutet, könnte dieser Staat dafür neue Methoden finden. Doch schon mehrmals gerieten brasilianische Firmen in die Schlagzeilen, weil sie bei ihren Unternehmungen in afrikanischen Ländern weder Menschenrechte noch Umweltschutz achteten.

Und um die Natur und die indigenen Völker ist es auch in Brasilien nicht gut bestellt. Wird das gewaltige Staudammprojekt „Belo Monte“ im Norden des Landes tatsächlich zu Ende gebaut – dutzende Kulturen verlören unwiederbringlich ihre Lebensgrundlage und ihre heiligen Stätten. Brasilien führt die Liste der Länder, die genmanipulierte Lebensmittel anbauen. Großgrundbesitzer roden ungebremst den Regenwald, der Widerstand engagierter Gruppen und verzweifelter Indigenas verpufft allzu oft.

Ähnlichkeiten mit der Geschichte der USA und Europas drängen sich beißend auf: Wachstum um jeden Preis, aber ohne Weisheit. Gebildete wie weniger gebildete Brasilianer hören diese Kritik von Ausländern nicht gerne: „Ihr habt selbst eure ganzen Wälder vernichtet und wollt uns jetzt sagen, was wir zu tun haben?“, wird dann gern geantwortet. Damit mögen sie Recht haben. Doch den, der Brasilien liebt, stimmt das traurig. Übrigens: Mit dem Original hat das hier verkaufte Açaí nur wenig zu tun.


31. Dezember 2012

Das neue Jahr soll kein seichtes sein

Politik und Musiker labern uns in die Wehrlosigkeit

Wenige Stunden bleiben uns in diesem Jahr, das neue hat schon seinen Fuß in die Tür gesetzt. Höchste Zeit, sich noch einmal die volle Dröhnung zu geben. Beginnen wir Unheilig, mit dem Grafen als Gradmesser des deutschen Befindens.

Richtig neu ist es ja nicht, was er pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in den Ring geworfen hat. Aber da die CD vom März nun erneut mit Wintercover erschienen ist, stehen die Chancen gut, dass einige Haushalte sich über die Weihnachtsfeiertage mit dem Klang von „Lichter dieser Stadt“ in die totale Wehrlosigkeit haben lullen lassen. „Drück mich ganz fest an Dich, sei ganz einfach da. Wenn das Leben weh tut, bist Du für mich stark?“, säuselt er, in weißem Hemd und schwarzer Krawatte nimmt er seine Fans an die Hand und führt sie auf Tennissocken hinein in die bequeme, ziellose Wattebauschmelancholie, die diesem Land so auf den Leib geschneidert zu sein scheint.

Einen „guten Weg“ nennt er das Stück - und wer sich einmal umsieht, der braucht sich nicht zu wundern, dass sich darüber niemand wundert. Schließlich geleitet uns seit geraumer Zeit rhetorische Leere durch das tiefe Tal der Krise. Kanzlerin Merkel steuert uns mit klarem Kompass durch die stürmische See, sagt sie. Wenn das Leben weh tut, bist Du für mich stark? Oh ja - Wie ein Mann steht die Truppe da, bereit, dem Sturm ins Auge zu blicken. Verstreut in der Gischt markiger Worte ohne Zusammenhang, vereint auf der seichten Welle der Inhaltslosigkeit. Mit an Bord: Graf Dobrindt, Silbermond Rösler, Kristina Stürmer, Joachim Söder – Gloria!

Und während sich das schwere Schiff Deutschland durch die Nacht kämpft, kommt es schon mal vor, dass der ein oder andere über Bord geht. Nichts für Ungut, Griechenland – es ist Zeit, dass Du bei Mutti ausziehst. Genug geschlemmt, ihr Hartz IVler, jetzt ist die Zeit der spätrömischen Dekadenz auch für euch vorbei.

Die Steuermänner reden viel im Meer der verordneten Traurigkeit, gesagt haben sie in letzter Zeit recht wenig. Und so hat auch die Neujahrsansprache von Angela Naidoo nur auf den ersten Blick etwas mit der Realität zu tun. Der Weg im neuen Jahr wird kein leichter sein, sagt sie. Trotzdem, mutig müssten wir sein, die Segel setzen, auch wenn das Meer aufbraust. Schließlich hätten wir eine so geringe Arbeitslosigkeit wie schon lange nicht mehr. Was für Jobs das sind, die da die Statistik streicheln, sagt sie natürlich nicht. Im Gegenteil: Für viele hunderttausend Familien bedeute diese Quote Sicherheit und Zuversicht. Na so was, hunderttausende, wir sind über 80 Millionen. Leistung müssten wir bringen, in Forschung investieren, um weiter vorne mitzuspielen. Die Politik bereite das Land auf den demographischen Wandel vor – mit einer Beteiligung an Sat Eins Gold, dem TV für Best Ager?

Spätestens jetzt sollte uns nicht das Leben, sondern die Ohren sollten uns weh tun. Höchste Zeit, sich aus der Sauce der kommerzialisierten Melancholie und der leeren Worte freizuschwimmen. Höchste Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen. Denn das neue Jahr soll kein seichtes sein. Einen guten Rutsch! 


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