15. Dezember 2017
03:23 Uhr
Deutschland
24. Oktober 2012

Die Krise ist mit uns

Liebe Krise,

ich danke Dir.

Durch Dich habe ich viele neue Freunde kennengelernt. Sie sind aus Spanien gekommen – Du weißt schon, das Land im Süden, in dem die jungen Leute keinen Job mehr finden. Jetzt sind die Freunde hier und wir haben viel Spaß. Oft sind wir recht müde, aber manchmal machen wir trotzdem einen Ausflug oder wir trinken ein Bier miteinander. Eigentlich haben wir immer was zu feiern. Neulich zum Beispiel: da haben wir angestoßen – eine von uns hat nämlich einen richtigen Arbeitsvertrag abgeschlossen. Prost, und herzlichen Glückwunsch!

Gut, könnte man sagen, sie verdient jetzt weniger als vorher, als sie über eine Zeitarbeitsfirma beim gleichen Unternehmen angestellt war. Aber bitte, was soll die Pfennigfuchserei? Das halbe Jahr Probezeit schafft sie mit links – schließlich arbeitet sie schon seit Monaten in der Firma und kennt die Strukturen. Liebe Krise, versteh’ mich nicht falsch. Wir wissen, dass wir auch an die Arbeitgeber denken müssen. Die Zeiten waren auch für sie schon besser. Ein feiner Zug, dass der Chef ihr trotzdem so eine tolle Chance gibt. Am Ende bekommt sie noch ein Kind, die Frau, mit über 30. Und dann sitzt er da, der Chef, auf seinen Kosten.

Liebe Krise, es ist prima, dass die Unternehmen sich nicht mehr an ihre Mitarbeiter binden wollen. Wie sonst sollten wir lernen, dass wir auf eigenen Beinen stehen müssen? Das Leben ist dadurch viel spannender geworden – wir vertrödeln es nicht mehr und wir schlafen nicht ein. Stell’ Dir vor! Sonst wachten wir vielleicht auf und schon wieder wäre ein Jahr vergangen und unser Arbeitsvertrag abgelaufen. Krise, gib’ nicht auf, Du ziehst große Sprinter heran.

Seit es Dich gibt, machen sich auch die Politiker wieder Gedanken um die Zukunft. Sie grübeln und rechnen, wie sie in ein paar Jahren die armen Alten füttern können. Zum Glück haben wir vorausschauende Führungskräfte. Nicht auszudenken, wenn die Minijobber, die Midijobber, die Zeitarbeiter, Freiberufler und Niedriglohnarbeiter von heute alle auf einmal alt würden und wir dann erst merkten, dass es ihnen in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen ist, sich ein paar Groschen zurückzulegen. Weil es manchmal nicht bis zum Monatsende gereicht hat.

Liebe Krise, Du zwingst uns zur Kreativität. Gemeinsam mit Dir erinnern wir uns, dass wir auch improvisieren können - und dass wir nicht alles gleich wegschmeißen müssen. Wir helfen wieder zusammen, weil wir es allein nicht schaffen. Die Anderen? Je weiter sie uns auf ihren Jachten davonfahren, desto deutlicher sehen wir, dass wir ihnen nicht nacheifern sollen. Wir können sie ohnehin nicht erreichen. Träumen vielleicht morgen, heute ist Alltag.

Manche macht die Angst aggressiv, aber das ist ja immer so. Wir sollten sie mitnehmen, damit sie sich nicht hinter denen scharen, die so schöne, einfache Bilder vom Feind zeichnen können.

Liebe Krise, mit Dir teilen wir wieder – das ist ein schönes Gefühl. Die Tag für Tag kämpfen müssen, werden Stunde um Stunde stärker. Entweder lernen wir, demütig zu sein, oder wir lehnen uns dagegen auf. Wir sind auf einem guten Weg. Und ich weiß, liebe Krise: Du bist auf unserer Seite.


15. Oktober 2012

Vom Entdecken und Zerstören

Wäre er nicht von Mosquitos zerstochen durch den Urwald gestiefelt, hätte er nicht bis zum Rand des Kollapses die Anden bestiegen, ja, hätte er darauf verzichtet, in wackeligen Booten über dunkelbraune, unbekannte Flüsse zu fahren – wir würden Alexander von Humboldt nicht einen der größten Entdecker nennen. Die Pflanzen, Tiere und Zusammenhänge, die er erforscht, gezeichnet und hinterfragt hat: Vielleicht bliebe uns ohne Humboldt ein großer Teil davon bis heute verborgen.

Nicht jeder kann ein großer Entdecker sein. Und vor allem, könnten Kritiker jetzt sagen: Oft haben sensible und filigrane Lebewesen oder Systeme mehr davon, wenn sie im Verborgenen bleiben. Im Fall von Venedig ist diese Chance natürlich längst vertan. Dutzende Sommer schon füllt sich die geheimnisvolle Stadt mit Strömen von Menschen aus aller Welt, die sich wie eine Riesenschlange durch die engen Gassen und über die alten Steinböden winden. Längst vermitteln Postkarten mehr vom morbiden Charme und der schweren Geschichte Venedigs als der Alltag voller Souvenirs, dem Geruch nach Süßigkeiten und den von Blitzlichtern angestrahlten Fassaden.

Vor kurzem jedoch hat die Invasion eine neue, vielleicht finale Stufe erreicht. Während sich Einheimische und vereinzelte Touristen gegen Abend in den Bars treffen, bahnen sich riesige Ungetüme ihren Weg über die Wasserstraßen Venedigs. Sie nähern sich den Ufern derart, dass es scheint, als würden sie an den Fassaden der Häuser kratzen. Führen sie noch ein paar Meter weiter, könnten die gigantischen Kreuzfahrtschiffe ihre tausende von Passagieren direkt in der Bar absetzen. Doch im letzten Moment drehen die Stahlriesen ab, an der Reling blitzt es hundertfach, von der Fußgängerzone aus schauen die Passanten ungläubig in den Lichterhagel. Der Massentourismus hat seine Macht gezeigt, wie mit einem überdimensionierten Wal hat er sich als Bedrohung positioniert.

„Es reicht“, skandieren die Einheimischen auf Plakaten und Demonstrationen. Ob sie gehört werden, scheint noch mehr als fraglich. Vielleicht ist es unmöglich, in Venedig noch etwas Neues zu entdecken. Doch wer es nicht versucht, wer seine Füße nicht auf den alten Steinboden setzt, der wird es nie erfahren. Nicht jeder kann ein großer Entdecker sein, aber jeder kann sich als Reisender verdient machen: indem er dem Fremdem, dem Fragilen und Filigranen gegenüber Respekt zeigt. Zu den Bildern.


18. September 2012

Voll Stoff ins Mittelalter

Auf meiner Reise ins Mittelalter habe ich nicht nur 20 Gigabyte Speicherplatz im Gepäck, sondern auch mehrere Kilo Stoff. Die Veranstalter von "Call to arms" haben sich nämlich zum Ziel gesetzt, für zwei Tage das Spätmittelalter so authentisch wie möglich wieder aufleben zu lassen. Also muss auch ich in voller Montur in dem Saarländischen Örtchen Bexbach erscheinen. Das bedeutet: Ein Leinensack voll mit zwei Unterkleidern aus dem selben Stoff, ein bodenlanges, gelbes Wollkleid, ein Kopftuch, Lederschuhe und ein schwerer, langer Übermantel aus Wolle.

Mein Zelt habe ich in fünf Minuten aufgebaut - bis ich fertig angezogen bin, brauche ich am ersten Tag fast eine Stunde. Über das Unterkleid kommt das taillierte Wollkleid. Es wird vorne und an den Seiten geschnürt. Eine leichte Übung für einen Schlangenmenschen, für mich: naja. In den ersten zwanzig Minuten, in denen es mir trotz unnatürlich verrenkten Oberkörpers nicht gelingt, die Seiten bis oben hin zu schließen, muss ich noch schmunzeln. Nachdem ich mich zum zweiten Mal in das Kleid gezwängt habe und trotzdem nicht weiter komme, stopfe ich die herunterhängenden Schnüre entnervt unter den Stoff.

Danach das Kopftuch: Kopf nach vorne, Tuch darüber, Enden einrollen, Kopf nach hinten, Enden an der Stirn verknoten, Reste an die Seiten stecken. Die Schuhe, ein Leichtes. Zusammengenähte Stücke aus Leder mit je vier Senkeln, alle auf einer Seite. Schließlich noch der schmale Gürtel, daran knote ich ein viereckiges Tuch als Schürze - fertig!

Die ersten Schritte in der neuen Montur sind unbeholfen. Der Weg vom entfernten Parkplatz zum Lager, eine Rutschpartie. Die Ledersohlen sind so glatt, dass ich auf den hügeligen Wiesen ständig den Halt verliere. Ich versuche, den schweren Stoff des Kleides nach oben zu halten, damit er nicht am Boden schleift. Die Taillierung schmiegt sich an den Oberkörper, die Kleidung verändert meinen Gang - und stellt sich meinen Schritten in den Weg.

Es ist die Kleidung einer mittelalterlichen Bäuerin. Sie ist nicht darauf zugeschnitten, dass Frauen rennen, sich flink bewegen oder - wenn es so etwas schon gegeben hätte - eine Kamera tragen. Spätestens als die Teilnehmer in der ersten Schacht aufeinanderprallen, sehne ich mich nach meiner Jeans. Und als ich sie zwei Tage später wieder anhabe, freue ich mich über die Gegenwart.


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