15. Dezember 2017
03:25 Uhr
Deutschland

Die Auferstehung des Mittelalters

Bei Reenactments treten Darsteller aufwendige Zeitreisen in die Vergangenheit an und vergessen kurz den Alltag

BEXBACH · Als sich die Nachmittagssonne warm in die Senken der grünen Hügel legt, treffen die verfeindeten Lager zum ersten Mal aufeinander. Schwere Rüstungen klirren, Metall auf Metall, Männer brüllen, tasten sich mit Schwertern und Lanzen aneinander heran. Sie pieksen sich, fallen, sterben einen fiktiven Minutentod – und ihre Herzen werden zu Kindern. 

Knapp hundertfünfzig Deutsche, Belgier, Schweizer, Engländer, Tschechen und Ukrainer sind in das saarländische Örtchen Bexbach gereist – von hier aus soll es gemeinsam weitergehen: über fünfhundert Jahre zurück, auf direktem Weg ins Spätmittelalter. „Call to Arms 1474“ heißt die Veranstaltung - dass sie nahe der französischen Grenze stattfindet, ist eher Zufall, kommt der Geschichte aber entgegen: Denn im Tal hinter den Bäumen formiert sich ein deutsches Zeltlager, gut einen Kilometer entfernt ein burgundisches.

Innerhalb weniger Stunden verwandeln sich IT-Fachleute, Mediengestalter und Projektkoordinatoren in Söldner, Prostituierte, Ärzte und Handwerker. Frauen in langen Kleidern und Männer in engen Hosen aus Wolle erkunden jetzt die Landschaft. Sie sind mit Lanzen und Bogen bewaffnet, ihre Köpfe mit Helmen geschützt. Die vereinzelten Spaziergänger wundert das allenfalls ein bisschen: Sie wissen schließlich, dass sie durch Utopion laufen.

Utopion – das sind 100 Hektar hügeliger Wiesen und Wälder; gelegen zwar direkt neben einem Industriegebiet, aber so groß, dass die Zivilisation kaum sichtbar ist. Ein Paradies für Zeit- und Fantasiereisende: Regelmäßig kriechen hier Trolle umher, gleiten Elfen über das Gras, prallen Krieger verschiedener Welten und Epochen in Schlachten aufeinander. Besitzer Matthias Trennheuser vermietet das Gelände an Life-Rollenspieler.

An diesem Wochenende allerdings gibt es hier kein sogenanntes Life Action Role Play Game (LARP), sondern die Darsteller treffen sich zu einem Reenactment: Sie haben sich auf die Fahne geschrieben, einen Ausschnitt des Spätmittelalters detailliert, realistisch und lebendig nachzustellen. Die Leute könnten sich nicht vorstellen, was da alles dahinter stecke, sagt Sabine, eine von ihnen. „Sie gehen durch unser Lager und sagen: Da laufen sie wieder mit langen Haaren, langen Bärten und waschen sich drei Tage nicht.“

Es stimmt schon - auf den Geländen gibt es nicht immer Duschen. Trotzdem: Reenactment ist kein Schmuddelzeltlager. Die Darsteller recherchieren mit großem Aufwand zu den mittelalterlichen Lebensumständen. Sie nähen sich ihre Kostüme aus reiner Wolle und Leinen selbst. Die Materialien sind schwer zu beschaffen und teuer: Im Lauf der Zeit investieren die Darsteller mehrere tausend Euro in Zelte, Kleidung, Rüstung, Waffen, Töpfe und Geschirr. Für drei Tage Lagerleben fahren sie weit, transportieren all diese Dinge in großen Autos und Anhängern. Warum?

Bis jemand so weit sei, sagen die meisten Darsteller, sei es ein schleichender Prozess. Über Mittelaltermärkte oder Freunde setzen viele den Fuß in eine Welt, die sie in kleinen Schritten in ihren Bann zieht. „Irgendwann fängt man an, sich ein paar Klamotten zu kaufen. Dann kauft man sich einen Helm und dazu möchte man auch eine Brustplatte haben und irgendwann ist das wie eine Sucht: Man sammelt den ganzen Kram, es wird immer mehr“, erzählt Matthias, der im richtigen Leben Bier braut.

„Das ist ein Hobby, mit dem man jeden Tag etwas zu tun hat“, sagen Stefanie und Tom. Je mehr sie wüssten, desto akribischer forschten sie weiter, desto weniger gäben sie sich mit oberflächlichen Antworten zufrieden. Briefmarkensammler in Kostümen? „Wir wollen der Geschichte Leben einhauchen, indem wir die Dinge ausprobieren und ihnen so auf den Grund gehen“, sagt Tom. „Die Leute werfen das gesamte Mittelalter in einen Topf“, ergänzt der Belgier Ben, „dabei war das Spätmittelalter bereits die Schwelle zur Aufklärung.“ 

Primitivlinge, das dächten wir heute von den Menschen des Mittelalters, beobachtet Marc aus England. Dabei sei es faszinierend, was sie damals schon mit einfachen Mitteln herstellen konnten, zum Beispiel Waffen. Wir sagten, die Leute seien brutal gewesen. Doch sei unsere heutige Art, Krieg zu führen, wesentlich seelenloser als damals, findet Marc. „Wenn Du jemanden töten wolltest, musstest Du das Schwert in ihn hineinstechen. Du konntest keinen Knopf drücken und damit Millionen umbringen.“

Rüdigers selbstgebaute Kanone relativiert diese Sicht der Dinge. Das burgundische Kammmergeschütz sei mit Steinen, Schrauben und „allem, was weh tut und möglichst viel Schaden anrichtet“, beladen worden, erklärt der Erzieher aus Trier die Funktion seiner Kriegsmaschine. Beim Reenactment soll sie nur eins: Krach machen. Die Schlachten sind wie ein Spiel, es gibt klare Kampfregeln und wer sich nicht unter Kontrolle hat oder zu fest zusticht, wird von den anderen beschimpft.

Die meisten Frauen bleiben im Lager, kochen oder nähen, während die Männer Krieg spielen. Ob ihre Frauen an den Bogen oder die Lanze dürften, entscheide jede Gruppe selbst, erklärt Annika, eine der Organisatorinnen. Wer in ihrer Gruppe, der „Neuvième Compagnie de Ordenance“, in die Schlacht wolle, müsse sich Männerklamotten schneidern. Tina, die vor Jahren von Tübingen nach Cambridge gezogen ist, um dort bei den Reenactments mitzuspielen, hat das gemacht. Weil sie, anders als die Frauen damals, die Wahl hatte.

Hundertprozentig können sie das Mittelalter eben nicht nachstellen. Die Darsteller wissen das – und sie wissen es zu schätzen. Wenn es weh tut, ist Schluss. Die schweren Töpfe werden neben dem Toilettencontainer gespült und nach einem anstrengenden Spieltag entspannt die warme Dusche. Trotzdem: „Wenn ich ein paar Tage an einer Kochstelle gekocht und wie im Mittelalter gelebt habe, weiß ich die Annehmlichkeiten der heutigen Zeit wieder viel mehr zu würdigen“, sagt Manuela.

Wie wäre es, wirklich im Mittelalter zu leben? Die Darsteller winken entsetzt ab. „Gemessen an der Situation der Frauen und der ärmeren Leute, an Pest, Kriegen und dem Mangel an Hygiene: Ich würde dort gerne einen Besuch machen, aber dort leben möchte ich nicht“, sagt Tina. Wenn es Essen gibt, wird es gemütlich. Die kleinen Kochstellen brennen, es riecht nach Holzfeuer, Leder und kühler Abendluft. Die Leute sitzen zusammen, musizieren, sprechen die Taktik für die nächste Schlacht durch oder fachsimpeln über Details.

In der Szene kennt man sich – grenzüberschreitend. Sie ist den vergangenen zwei Jahrzehnten von wenigen hundert auf mehrere tausend Leute angewachsen. Die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten macht einen großen Teil der Faszination aus. Das Reenactment ist generationenübergreifend, ganze Familien sind nach Bexbach gekommen. Warum geht ihr nicht einfach zelten? „Da fehlt der geschichtliche Hintergrund“, sagt Bea. Wir wollen die Zeit nachempfinden. Ich kann nur wissen, wie es ist, auf einem Strohsack zu schlafen, wenn ich es gemacht habe.“

Nur hier könne sie richtig vom Alltag abschalten, sagt Annika. „Dann sind wir in unserem Zelt, müssen uns selber Kochen und die Kochstelle ausheben und all diese Dinge tun. Hier sind wir einfach nur für uns.“ Freier sei sie hier, meint Christine, ohne Alltagsstress. „Hier kann ich einfach mal nur leben.“

Zu den Fotos.

 
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Kommentare

16. November 2012 08:48 Uhr von Peter
sehr objektiver, anschaulicher Bericht.
Nicht wie die sonst leider üblichen effekthaschenden, dümmlichen und hämischen Schreibereien.
Danke !!

Ein Dank zurück! Anna B. do Nascimento

15. Oktober 2012 11:35 Uhr von tt
Toll! Ein spannendes Thema und gut geschrieben. Schöne Bilder.

Danke! Anna