15. Dezember 2017
03:24 Uhr
Deutschland

Frau Vorsicht und Frau Zuversicht

Wie die Deutsche Angela Merkel und die Brasilianerin Dilma Roussef ihr Land auf das neue Jahr einstimmen

Zwei Staatschefinnen wünschen ihrem Volk ein gutes neues Jahr - jede auf ihre Weise. Während die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff ihre Freunde anspornt, sich auf ein noch besseres 2014 zu freuen, wünscht die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ihren Mitbürgern die Kraft, auch das Schwere im Leben zu tragen. Ein Vergleich.

Angela Merkel und Dilma Rousseff. Graphik: Die StorchEin paar Dinge haben Angela Merkel und Dilma Rousseff gemein: beide tragen einen Kurzhaarschnitt und mit Vorliebe Hosenanzüge, beide haben eine Diktatur durchlebt (Dilma Rouseff hat sie durchlitten) und beide gehören heute zu den mächtigsten Frauen der Welt. Damit enden die offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Hier könnte eine lange Liste der Unterschiede folgen, doch es soll nur um diese beiden gehen: die Art, wie die zwei Frauen zu ihrem Volk sprechen und die Art, wie sie die Welt wahrnehmen.

Frau Zuversicht: Dilma Rousseff

Die Gesellschaft: Eine Gemeinschaft junger Freunde

„Meine Freundinnen und Freunde“, schmettert Dilma Rousseff zu Beginn ihrer Ansprache. Sie richtet sich damit an gut 190 Millionen Menschen: Weiße und Schwarze, Indianer, Leute mit asiatischen, amerikanischen oder europäischen Wurzeln, Steinreiche, Bitterarme und eine wachsende Mittelschicht, Akademiker und Analphabeten – an ein buntes Volk, in dem vierzig Prozent jünger als zwanzig Jahre alt sind.

Eine Gesellschaft, die tief zerklüftet ist zwischen arm und reich und in der Schwarze und Indianer nach wie vor gegen Rassismus kämpfen. „Meine Freundinnen und Freunde - dank der Anstrengung aller Brasilianer endet das Jahr 2013 besser, als es angefangen hat,“ beschwört Rousseff, "und wir haben Grund zu hoffen, dass 2014 noch besser wird.“ Die Kamera ist frontal auf Rousseff gerichtet. Viel mehr als ihr Gesicht vor hellem Hintergrund sieht das Publikum nicht.

Die Krise: Macht euch keine Sorgen

Noch besser - war 2013 denn so toll? Das dürften zumindest diejenigen bezweifeln, die sich an die Nachrichten aus Brasilien im vergangenen Jahr erinnern: Zwar hat die Finanzkrise Brasilien nicht umgeworfen, gestrauchelt ist das gigantische Schwellenland zuletzt jedoch durchaus. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gingen tausende Menschen auf die Straße, um für bessere Bildungschancen und Infrastruktur zu demonstrieren.

Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff geht zuversichtlich ins neue Jahr. Graphik: Die Storch.Dutzende Politiker wurden der Korruption überführt – unter ihnen namhafte Vertreter von Rousseffs Arbeiterpartei. Anwohner der großen Stadien, die Schauplatz der Fußball-WM werden sollen, kämpften verzweifelt dagegen, ihre Wohnungen verlassen zu müssen. Und das ausgerechnet unter einer sozialistischen Regierung.

Doch Dilma Rousseff zeigt sich zuversichtlich: Euer Lebensstandard wird sich weiter verbessern, versichert sie ihren Zuhörern, eure Arbeit ist sicher, ihr werdet eure Raten bezahlen können (Ratenzahlung auf beinahe alles ist in Brasilien üblich), ihr werdet eure eigene Firma aufbauen oder euer Unternehmen vergrößern können. Rousseff unterstreicht ihre Entschlossenheit, indem sie sich immer wieder leicht nach vorne beugt bei den Punkten, die ihr besonders wichtig sind.

Zweimal setzt Musik ein, während Dilma spricht. Dilma, so nennt sie der Volksmund. Und die Musik erinnert ein bisschen an „1492 – die Eroberung des Paradieses“. „Beginnt 2014 voller Energie und Optimismus und mit der Gewissheit, dass das Leben sich weiter verbessern wird“, sagt sie dann. Gänsehaut-Dramaturgie: hier entsteht etwas ganz Großes – und Du bist ein Teil davon. Zweifler und Kleingeister, zur Seite!

Die Politik: „Wir wissen, was zu tun ist“

Aufmerksam und standhaft kämpfe ihre Regierung gegen die Inflation und für einen ausgeglichenen Haushalt, erklärt Dilma. „Wir wissen, was zu tun ist und wir werden nicht von diesem Kurs abweichen“, verspricht sie. Auf Brasilien zu setzen sei der richtige Weg, damit alle als Sieger hervorgingen – Unternehmer und Arbeiter. Musik. Nichts werde sie abbringen vom Kampf für eine gerechtere Einkommensverteilung, gegen die Armut und für die Verteidigung von Minderheiten. Im kommenden Jahr werde mehr investiert in Gesundheit, Bildung und Armutsbekämpfung.

Gibt es daran Zweifel? Sicher – und nicht wenige. Zum Beispiel diese: Behandelt Rousseff alle Minderheiten gleich? Wird die Umwelt das Streben nach schnellem Fortschritt überstehen? Werden die Steinreichen bei ihrem Kampf mitziehen? Und: Wie will sie das alles schaffen? „Brasilien wird so groß sein, wie wir es uns wünschen. Wenn wir uns ein gerechtes und großes Land vorstellen und dafür kämpfen, dann werden wir es bekommen.“ So wie Rousseff das sagt, glaubt sie wirklich daran. Mach mit, dann gelingt es uns – so klingt das.

Die Zukunft: Es gibt keinen schöneren Ort auf der Welt

„Es gibt wenige Orte auf der Welt, an denen das Volk bessere Bedingungen hat, zu wachsen, sein Leben zu verbessern und glücklich zu sein. So wird Brasilien von außen wahrgenommen und so fühle ich es im Herzen“, endet Rousseff ihren Diskurs. Frontalaufnahme, kein Schnickschnack, keine Musik. „Ein neues Jahr voller Glück und Wohlstand für euch und viel Fortschritt und soziale Gerechtigkeit für Brasilien.“

Lasst das Jahr kommen, sagt ihre Mimik, ich bin bereit.


Frau Vorsicht: Angela Merkel

Die Gesellschaft: Einzelne Lebensgeschichten alternder Mitbürger

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“ wispert Angela Merkel zu Beginn ihrer Ansprache. Gut achtzig Millionen dieser Mitbürger hatte die Kanzlerin 2013, etwa die Hälfte davon älter als vierzig Jahre. Noch bildet die Mittelschicht den Großteil der Bevölkerung, doch der Unterschied zwischen dem geringsten und dem höchsten Einkommen ist in Deutschland weiter gewachsen.

Selbstverständlich leben Menschen verschiedener Herkunft längst in der Gesellschaft zusammen. Einer Gesellschaft, in der jede Lebensgeschichte für sich steht, wie die Kanzlerin betont. „Was jeder Einzelne von uns im Kleinen erreicht, das prägt unser Land im Ganzen“, sagt die Kanzlerin. Merkel sitzt hinter einem großen Holztisch. Draußen ist es schon dunkel. Im Hintergrund sieht der Zuschauer den beleuchteten Reichstag, einen Weihnachtsbaum, die Deutschland-und die Europa-Fahne.

Krisen: Der Alltag ist voll davon

Wie war 2013 für Deutschland? Die Flut hat im Frühsommer Tausende aus der Bahn geworfen und in ihrer Existenz bedroht. Die weltweite Finanzkrise spürte das Land vor allem durch die vielen neuen Mitbürger aus Spanien, Italien und Griechenland – Deutschland selbst ist wieder vergleichsweise gut davon gekommen: die Kauflaune der Deutschen ist stabil und laut Merkel arbeiteten 2013 sogar mehr Menschen als je zuvor. Abgesehen von der Flut klingt das doch nicht so schlecht, könnte ein Außenstehender denken.

Angela Merkel bemüht sich um Zuversicht. Graphik: Die Storch.Doch Angela Merkel zeigt sich vorsichtig: Dass Deutschland im weltweiten Wettbewerb so gut mithalte, sei vor allem der Leistungsbereitschaft, dem Engagement und dem Zusammenhalt der Mitbürgerinnen und Mitbürger geschuldet, sagt sie. Merkels Mundwinkel gehen kurz nach oben. Darüber hinaus jedoch sei „wahrlich nicht alles so, wie wir es uns erhoffen oder wünschen.“ Auch im persönlichen Leben sei viel geschehen, „Schönes wie Enttäuschendes“, reflektiert die Kanzlerin. Sinngemäß fünfmal in gut sechs Minuten.

Dennoch, ermutigt sie: „Immer wieder gibt es Chancen zu neuen Anfängen.“ Die Kanzlerin hebt kurz die Augenbrauen. Die Kamera tastet sich mal näher an Merkel heran, mal fährt sie zurück, sodass der Zuschauer die schwarze Arbeitsunterlage sehen kann, auf der Merkels Hände ruhen. Ihre Fingerspitzen berühren sich. Die Botschaft: Wir sind fleißig, auch an den Feiertagen. „Es gibt viel zu tun, damit Deutschland auch in Zukunft stark bleibt“, bereitet die Kanzlerin ihre Mitbürger vor.

Die Politik: Investitionen sind möglich

Wie beteiligt sich die Politik daran? „Der Staat kann investieren. Er kann gute Bedingungen schaffen“, sagt Merkel. Und gestalten? Mitnichten. Denn, so Merkel: „Die Politik könnte nur wenig bewirken ohne Sie alle in unserem Land, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ Sie bemüht sich um das „Wir“-Gefühl. Aber irgendwie kommt das so recht nicht auf. Wer sind „wir“ überhaupt – „wir“, die Regierung; „wir“, die Mitbürger oder gar „wir“ alle? Ganz klar wird das nicht, auch nicht an der Stelle, an der sie die Aufgaben für die Zukunft ausmacht.

Besonders wichtig sei ihr, dass „wir“ der nächsten Generation die Finanzen geordnet übergäben, dass „wir“ die Energiewende zum Erfolg führten und dass „wir“ ein gutes Miteinander in unserem Land hätten. Klingt machbar. Doch, nicht zu hastig: „Jeder einzelne Beitrag mag zunächst klein erscheinen angesichts der Größe der Aufgaben.“ Strengt euch an, danach legen wir alle zusammen und schauen mal, was dabei herausgekommen ist. Ein überzeugendes „Nur Mut, wir schaffen das“ klingt anders.

Die Zukunft: „Kraft, auch das Schwere zu tragen“

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, für das kommende Jahr wünsche ich uns allen die Entschlossenheit, unsere Vorsätze umzusetzen, jedenfalls die wichtigsten“, endet Merkel ihren Diskurs, und sie schmunzelt schüchtern, „den Mut zu immer neuen kleinen Anfängen und die Kraft und den Trost, auch das Schwere im Leben zu tragen.“ Die Kamera zoomt an einem Blumengesteck vorbei auf die Kanzlerin zu. Das Bild endet in der Frontalaufnahme, Angela Merkel bemüht sich um ein Lächeln. „Von Herzen wünsche ich Ihnen und Ihren Familien Gesundheit, Zufriedenheit und Gottes Segen für das neue Jahr 2014.“

Hoffentlich, so sagt ihre Mimik, hoffentlich wird es nicht wieder so schlimm.


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Kommentare

25. Januar 2014 19:10 Uhr von Samson
Die Macht der Bilder: Stell dir vor, du siehst die beiden Mädels nicht und ihre Stimmen sind nicht zur erkennen - Mann oder Frau...beide erzählen aber die Situationen wie oben beschrieben...unterstelle den Stimmen, aufgrund der Vergangenheit und ihrer Überzeugung, Idealismus- in der Politik und in das was sie tun. Unterstelle den Stimmen, dass sie wirklich an einer Verbesserung für "alle" interessiert sind. Die Aufgabe ist das WIE zu diskutieren und dann umzusetzen.Ein weiter Weg zur Perfektion- nur gibt es diese nicht, auch nicht im kleinen, eigenen Leben - das ist auch gut so - lebe jeder sein Leben in Zufriedenheit und mit Verantwortung für sich und seine Umwelt - wenn er das Glück hat am richtigen Ort geboren zu sein... ansonsten bleibt nur die Politik mit allen bekannten Nachteilen und Bildern.