26. September 2018
17:14 Uhr
Deutschland

Der lange Arm des syrischen Terrors

Das Assad-Regime tyrannisiert seine Bürger auch im Ausland - ein junger Mann erzählt

Tausende Syrer verfolgen aus dem Exil, wie die blutigen Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Aufständischen ihre Heimat ins Chaos stürzen. Die blutigen Bilder erscheinen um ein Vielfaches schrecklicher, wenn man auf ihnen die Straßen der Freunde und der Familie erkennt. Der Terror bestimmt auch den Alltag derer, die eigentlich weit weg sind. Ein junger Mann erzählt. 

Hätte Bashar seinen Cousin bestraft, wer weiß: Vielleicht wäre das Alles so nicht passiert. „Ich bin mir sicher, viele Leute würden den Präsidenten immer noch lieben – oder er wäre ihnen zumindest egal“, sagt der junge Mann mit dem Pferdeschwanz. Sein Name darf hier nicht stehen – wo er lebt, auch nicht. Er fürchtet, dass das Assad-Regime hört, was er sagt – obwohl es über dreitausend Kilometer weit entfernt ist. Er hat Angst, dass seine Familie in Syrien seine Worte teuer bezahlen würde. „Compass Swing“ will er deswegen genannt werden. Wie eine Kompassnadel, die ausschlägt, als hätte sie keinen Norden mehr.

So wie sein Land, in dem das Chaos herrscht, seit der Geheimdienst in der Stadt Dar-á vor über einem Jahr eine Gruppe von Kindern tagelang festhält und grausam misshandelt, weil sie an einer Hauswand von der Freiheit geschrieben haben. Bashar al-Assads Cousin Atef Najeb ist damals Chef der Foltertruppe – und als die Eltern um die Freilassung ihrer Kinder bitten, sagt man, verspottet er sie. Das ist zuviel. Die großen Familien von Dar-á gehen auf die Straße, erst dutzende, dann hunderte aufgebrachter Menschen.

Trotzdem: Atef landet nicht im Gefängnis, der Geheimdienst versetzt ihn in eine andere Stadt. Und Soldaten schießen auf die Demonstranten. „Da haben die Leute gemerkt, dass es immer schlimmer wird – deswegen haben sie ihre Angst verloren“, sagt Compass Swing. Von Stadt zu Stadt skandieren die Menschen nun Freiheit und fordern politische Reformen in einem der brutalsten Polizeistaaten der Region, in dem sich die Familie Assad seit 1971 mit eisernem Griff an der Macht hält.

Compass Swing verfolgt den Schrecken aus der Ferne: In Youtube sieht er Videos zerfetzter Körper, die Bilder Dutzender Leichen, zerstörte Häuser in den Straßen seiner Kindheit. Er hört das Rattern der Maschinengewehre und die Kampfparolen der Demonstranten. Wann immer es geht, telefoniert er mit seiner Familie in Damaskus. Das Internet funktioniert dort seit Monaten nicht mehr, die Telefonverbindung sporadisch. Einmal ist sie eine Woche lang gekappt. Für Compass Swing sind es Tage aufwühlender Ungewissheit. Er schreibt Lieder für sein Volk und hinterlegt sie auf Youtube mit den blutigen Bildern aus der Heimat.

Schließlich erreicht der Protest Homs, die Stadt von Asma al-Assad – Bashars Frau. „Wir hofften, dass sie sich für ihre Leute einsetzt, dass das Töten in Homs enden würde. Aber es ist nichts passiert“, sagt Compass Swing. Im Gegenteil: Frauen werden verschleppt und vergewaltigt – hunderte sind bis heute verschwunden. Das Chaos der Kämpfe spielt auch Kriminellen in die Hände. Einen bitterkalten Winter lang wird in den Straßen von Homs gekämpft. Es fließt weder warmes Wasser noch Strom, das Essen ist knapp.

Keine Beerdigung für den Freund

Regierungspanzer gehen in Stellung. In den syrischen Städten lauern auf den Dächern der Häuser Scharfschützen, die wahllos auf Menschen zielen. Sie machen jeden notwendigen Weg nach Draußen zum lebensgefährlichen Horror. Vor wenigen Wochen finden sie einen Freund von Compass Swing. Er liegt tot in einem Kofferraum, von einem Kopfschuss niedergestreckt. Compass Swing wird ihn nicht begraben können. Er selbst ist aus seiner Heimat geflohen – wenige Wochen, nachdem er in die Armee einberufen wurde.

Sie sei es, die heute grausame Verbrechen am eigenen Volk begeht, sagt Compass Swing - aber nicht sie allein. „Zu Beginn des Aufstands hat Bashar Kriminelle aus dem Gefängnis entlassen – unter der Bedingung, dass sie für ihn kämpfen“, erzählt er. Das iranische Regime unterstützt Assad, außerdem schiitische Kämpfer aus dem Irak und die schiitische Hisbollah, die aus dem Libanon über die Grenze kommt. Sie machen den sozialen und politischen Konflikt zu einem religiösen Krieg. „Die Syrer sind ein offenes Volk, es war nie wichtig, welcher Religion jemand angehörte“, sagt Compass Swing.

Doch die Assads wüssten seit Jahrzehnten, die Gruppen gegeneinander auszuspielen. Sie warnten die armenischen Flüchtlinge in Aleppo vor den Moslems, die Drusen vor den Christen. Die Botschaft ist klar: Wenn unsere Macht bricht, werdet ihr mit in den Abgrund gerissen. Die Versöhnung am Ende der Kämpfe wird schmerzhaft werden, die Wunden womöglich nach Jahren nicht verheilen. „Wenn Du weißt, dass Dein Nachbar Deine Frau geschändet und Deine Familie getötet hat, was wirst Du tun? Du wirst Dich rächen“, ahnt Compass Swing.

Die Viertel, in denen die Rebellen der Free Syrian Armee Station machen, werden nach deren Abzug von den Regierungstruppen niedergewalzt. Manche Stadtteile können die Rebellen heute verteidigen.

Kreativer Protest

Doch nicht alle Oppositionellen schießen bei diesem Aufstand scharf. Eine ganze Szene habe sich gebildet, die Graffitis gegen Assad an den Hauswänden und im Internet verbreite, sagt Compass Swing. Und auch das: Sie versteckten kleine Mikrofone in Regierungsgebäuden und spielten darüber regimekritische Lieder ab. „Trotz des Tötens und des Terrors haben die Menschen ihren Humor nicht verloren“, erzählt er und lächelt mit einer Mischung aus Trauer und Stolz.

Wie kann Assad gestoppt werden? „Hört auf, Waffen zu schicken. Dreht ihnen den Geldhahn zu“, bittet er eindringlich. Über ein Jahr nach Ausbruch des Aufstandes sagt Bashar al-Assad Krieg dazu. Compass Swing nennt es Revolution und Bürgerkrieg. Menschenrechtsorganisationen sprechen von 15.000 Toten, die Vereinten Nationen von 185.000 Flüchtlingen. Die internationale Staatengemeinschaft hofft auf eine diplomatische Lösung des Konflikts. Die Syrer hoffen auf Frieden und Freiheit.

Compass Swing wird nervös, wenn er von seiner Familie erzählt. Er habe versucht, sie nach Deutschland zu holen, zumindest seine Eltern. Es ist ihm nicht gelungen, bevor die ausländischen Botschaften in Syrien geschlossen haben. Compass Swing ist Musiker. Es wäre wichtig für ihn, seinen Namen zu nennen. Doch solange der Terror eines totalitären Regimes über ihm und seiner Familie schwebt, wird es kein normales Leben geben – nirgendwo. Nachts schläft er schlecht, die Sorge treibt ihn um.

Sein Telefon klingelt. Als die Verbindung endlich steht, fragt er: „Was ist los, Papa?“. „Hast Du die Nachrichten nicht gehört? Deine Schwester und Dein Bruder mussten ihre Wohnungen verlassen und sind jetzt bei uns. Die Truppen rücken nach Damaskus vor.“ Stille.

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