21. April 2018
09:36 Uhr
Deutschland

Die gefährlichste Nacht seines Lebens

Peter Frenzel erzählt von seiner Flucht aus der DDR

NÜRNBERG · Kurz nach Mitternacht nimmt Peter Frenzel seinen ganzen Mut zusammen und verlässt den Schutz des Waldes. Stundenlang haben er und sein Freund Klaus dort auf die Dunkelheit gewartet. Aber dunkel wird es in dieser Nacht nicht. Zu hell scheint der Mond und wirft sein milchiges Licht auf den Groß Glienicker See. Die wenigen hundert Meter zur Grenze erscheinen den beiden jungen Männern unendlich weit.

Am Ufer streift Peter Frenzel die Uniform der Volksarmee ab. Von nun an ist er ein Gejagter, ein Republikflüchtling – Freiwild für seine ehemaligen Kameraden, die wie jede Nacht an dem nahen Stacheldrahtzaun patrouillieren. Frenzel kennt ihre Kalaschnikows genau, denn bis vor ein paar Tagen hat er selbst eine getragen. Er weiß: Wenn sie erwischt werden, wird es eng. "Wenn ich entdeckt worden wäre, wäre es mir nicht gut gegangen – dann wäre ich in den Kasernen als Verbrecher oder Staatsfeind vorgeführt worden", sagt Frenzel heute, "wer weiß, wo ich dann gelandet wäre, vielleicht sogar im Zuchthaus in Bautzen."

Aber daran will er während der Flucht im August 1967 nicht denken. Er will in den Westen, die Freiheit, wie er sagt. Weg aus einem Staat, in dem es ihm eigentlich nicht schlecht geht, wo er Arbeit hat. Aber auch ein Staat, mit dessen politischen Ideen er sich nicht anfreunden kann. "Man ist immer in eine Richtung gedrängt worden und wenn man irgendwie vorwärts kommen wollte, hätte man in die Partei eintreten müssen", erinnert er sich. Für ihn sei das nie eine Option gewesen, sagt Frenzel. Deswegen antwortet er, dass er sich für eine Parteimitgliedschaft noch zu jung fühle, wenn er in Einzelgesprächen an seinem Arbeitsplatz und später beim Wehrdienst danach gefragt wird. "Da habe ich dann erstmal meine Ruhe gehabt", sagt er heute. Trotzdem wird er zum Wehrdienst an die Grenze einberufen - und ihm ist klar, dass er die DDR verlassen würde.

Die beiden jungen Männer stülpen sich die abgeschnittenen Ärmel ihrer Trainingspullover über den Kopf, unter denen sie ihre Dokumente aufbewahren. Klaus trägt die wasserdichte Tasche mit der trockenen Kleidung, Peter hält den Bolzenschneider mit den kurz gesägten Griffen. So leise wie möglich lassen sie sich in den See gleiten. In der Stille der Nacht und für die hellwachen Sinne der Fliehenden scheint jedes Geräusch zu viel. Das Schnaufen des Freundes, das Plätschern des Wassers beim Schwimmen. Doch niemand hört sie - die beiden erreichen nach zirka hundert Metern das andere Ufer.

Kurz vor dem Ziel gehen Klaus die Nerven durch

Peter Frenzel hat den Weg genau im Kopf. Monatelang ist er das Areal als sogenannter Kradmelder mit dem Motorrad abgefahren. An den Kontrolltürmen entlang des grünen Grenzabschnittes hat er nach dem Rechten gesehen, in Sacrow und Wustrow Ausweise kontrolliert und die Häuser der DDR-Prominenz bestaunt. Auf einer seiner Fahrten hat er dann den Eingang eines Tunnels entdeckt – zwei unscheinbare Holztüren, die mit Vorhängeschlössern verriegelt waren. Die will er jetzt mit Klaus erreichen. Beinahe stolpern sie über einen Signaldraht. Wären sie nicht im letzten Moment zum Stehen gekommen, hätte ein Leuchtgeschoss die Wachleute auf direktem Weg zu den Flüchtigen geführt. Rennend erreichen sie den Graben, das scheinbar vorletzte Hindernis. In der zirka zwei Meter tiefen und drei Meter breiten Furche wollen sie sich bis zu dem Tunnel vorarbeiten.

Aber Klaus gehen die Nerven durch. Er springt aus dem Graben und sprintet über die sauber gerechte Sandfläche direkt auf den Stacheldrahtzaun zu. "Da konnte ich nicht anders und musste hinterher. Wenn einer losrennt, muss der andere mit", erinnert sich Frenzel. Wieder haben sie Glück: Keiner der Wachleute auf den Kontrolltürmen hat sie bemerkt. Mit zitternden Händen macht Peter sich daran, den Stacheldraht zu durchtrennen. "Jeder Schnitt hat einen Krach gemacht, als schieße man mit einer Pistole", sagt Frenzel heute. Endlich ist es geschafft, der Draht ist durch, die beiden rennen weiter. Bis zum nächsten Schock. Vor ihnen tut sich ein Maschendrahtzaun auf. "Da konnte ich bald nicht mehr, da hätte ich bald versagt, der Kreislauf hätte beinahe schlapp gemacht", erzählt Frenzel.

"Es wäre einfach anders gewesen"

Mit letzter Kraft und schweißnass schneidet er zwei, drei Maschen auf. Dann zerren die beiden Freunde nur noch verzweifelt an dem Zaun. Bis das Loch endlich groß genug ist, damit sie sich hindurchrollen können. Und auf dem Gelände einer britischen Kaserne wieder aufstehen. Peter Frenzel und sein Freund sind im Westen angekommen. Im September 1967 werden sie als politische Flüchtlinge anerkannt. Peter Frenzel hat sich in Nürnberg eine neue Existenz aufgebaut. Es sollte neun Jahre dauern, bis er seine Mutter wiedersah und zweiundzwanzig Jahre, bis seine beiden Brüder ihn besuchen durften. Was wohl gewesen wäre, wenn er nicht geflohen wäre? Es wäre einfach anders gewesen, sagt Frenzel. Seine Flucht hat er nie bereut, trotz der schmerzhaften Trennung von seiner Familie. Heute wohnt der mittlerweile pensionierte Frenzel mit seiner Frau Angelika in einem Reihenhaus in Weiherhaus. "Hier gefällt es uns", lächelt er zufrieden, "hier wollen wir nicht mehr weg."

 

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