26. September 2018
17:03 Uhr
Deutschland

Von fliegenden Fäusten und schwingenden Hüften

Bei der "K1 Fight Night" boxen Amateure um den Sieg - Das Publikum freut sich an den "Ringgirls"

NÜRNBERG · Florin Cardos lässt seinen Gegner tänzeln. Er selbst bewegt sich wenig: Ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts – zwischendurch zieht er den Kopf ein. Bulut Özcan dagegen dreht sich, duckt sich, springt, schwitzt. Es ist stickig und diesig im Löwensaal, der sich in dieser Nacht in eine Kampf-Arena verwandelt hat: Hier gibt es heute kein Konzert, hier steigt die "K1 Fight Night".

Hunderte Augen sind auf den Ring in der Saalmitte gerichtet - auf die beiden Kickboxer, die sich dort umrunden, stoßen, treten und sich dabei nicht aus den Augen lassen. Eine Minute dauert dieses Schauspiel, dann holt Florin Cardos aus: wie ein Pfeil schnellt seine Faust nach vorne – und wieder zurück. Sein Gegner liegt am Boden, er ist K.O. Von Cardos´ Leberhaken ausgeknockt.

"Das war schön, er hat ihn ganz genau getroffen", sagt Ringrichter Günter Schönrock, der das Ganze von einem Tisch am Rand des Rings beobachtet und das K.O. mit einem Gongschlag besiegelt hat. Das ist Kickboxen, wie Fans es mögen. "Bewegung, Konzentration, Ausdauer und Kraft", resümiert Ringrichter Klaus Eckendorfer. Mit weißem Hemd, schwarzer Fliege, Stoffhose und viel Pomade, die seine dunklen Haare in einen Seitenscheitel teilt, wirkt der etwa 40-Jährige wie aus einer anderen Zeit. Die Adidas-Turnschuhe tun der Wirkung seiner Montur keinen Abbruch, wenn er mit den Boxern im Ring tänzelt und die Fairness des Kampfs überwacht.

Adrenalin, Testosteron und Whiskey-Cola: Die Mischung im Publikum ist explosiv

Alle Ringrichter der German Boxing Association tragen diese Uniform - denn bei einer Veranstaltung wie der "K1 Fight Night" geht es um mehr als nur den Sport: Das Publikum will Unterhaltung. Deswegen begleiten künstlicher Nebel, rote, grüne, blaue Lichteffekte und die Bässe des Disc Jockeys die Kämpfer in den Ring.

Die Spannung steigt schon vor dem Kampf, und die Mischung im Publikum ist explosiv: Adrenalin, Testosteron, Muskeln und Whiskey-Cola. Etwa 70 Prozent der Gäste sind Männer. Manche Teilnehmer munkeln, dass das Vorstrafenregister der Besucher zusammengenommen mehr als hundert Jahre addiert. Vielleicht übertrieben, aber: Wer zum ersten Mal auf einer solchen Veranstaltung ist, hält die Luft an, als zwei zierliche Frauen mit hohen Stiefeln, langhaarig und -beinig in knappen Höschen durch dieses Ambiente stolzieren und die Hüften schwingen.

"Die "Ringgirls" gehören zum Boxen dazu, das Weibliche lockert das Aggressive ein bisschen auf", erklärt Olaf Disch die Funktion der beiden Frauen, die jeweils mit einem nummerierten Schild in der Hand eine neue Runde ankündigen. Zusammen mit seinem Partner Franc Ndue betreibt Olaf Disch den "K1 Fight Club". Im sechsten Jahr veranstalten sie die "Fight Night". "Wir wollen unseren Kämpfern eine Plattform bieten, sie boxen sich von hier aus in die Ranglisten", erklärt Disch, "einer von ihnen ist schon Nummer Eins in Rumänien."

"Eine Faust im Gesicht tut schon weh"

Hoffnung auf einen ersten Platz macht sich Tainer Akkoyunlu nicht. Der 40-Jährige trainiert erst seit drei Monaten, er tritt in der neuen Kategorie "Manager-Boxen" an – "zum Spaß", sagt er. "Ich wollte das einmal erleben: Die Lichter, das Publikum." In seinem Kampf gegen Michael Pröbster, der normalerweise Großveranstaltungen in Nürnberg organisiert, wird er später mit einer blutigen Nase davon kommen. Der einzige, der an diesem Abend zugibt, dass das schmerzt, ist der 12-jährige Vincent, der selbst zwei Mal die Woche trainiert. "Eine Faust im Gesicht tut schon weh, aber das Risiko muss man eingehen", meint er.

Gabi und Frank sitzen schon zum vierten Mal im Publikum der "Fight Night". Weil man hier das Gefühl habe, richtig nah dran zu sein, sagt Gabi. "Das sind Amateure, die geben sich noch richtig Mühe – und es gibt keine Werbepausen", ergänzt Frank. Aber was wird aus all der Aggression außerhalb des Rings? "Was bei uns gelernt wird, darf niemand für sich auf der Straße anwenden", sagt Ahmet Bedel, Vorstand des "K1 Fight Clubs", "die Sportler kennen sich sehr gut, wissen, dass sie überlegen sind und entkommen schwierigen Situationen, ohne Gewalt anzuwenden. Ohne Grund auf jemanden einzuschlagen, ist menschenverachtend."

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