17. Juli 2018
07:21 Uhr
Deutschland

Die Logik der Kuh

Eine fränkische Bauernfamilie streitet für faire Milchpreise und bewussten Konsum

WALKERSBRUNN · Jede Kuh weiß: Nach der Arbeit kommt das Fressen. Das ist ein Gesetz am Igel-Hof, auf das man sich verlassen kann. Deswegen stehen die achtzig Tiere freiwillig auf, laufen durch den hufförmigen Stall und stehen Schlange vor der Melkstation. Die Ranghöchste darf zuerst, die Schwächste macht das Schlusslicht. Zweimal am Tag geht das so. In der Früh um halb sieben und abends um sechs warten die Bäuerinnen auf ihre Tiere im fränkischen Dorf Walkersbrunn. In der Igel-Familie arbeiten zwei Generationen zusammen, die dritte schlummert noch im Haus. Jeder Handgriff sitzt, die Abläufe sind eingespielt, die Aufgaben klar verteilt. Doch anders als ihre Kühe wissen die Igels nicht, welchen Lohn die Arbeit haben wird.

Bis zu 40 Liter Milch produziert eine Kuh täglich, das macht insgesamt 1800 Liter Calcium, Eiweiß und Vitamine. Für einen Liter bekommt die Familie momentan 34 Cent von der Molkerei. Das sei schon ganz gut, sagt Kerstin Igel, aber optimal sei es noch nicht. Die Mittdreißigerin steht in der Melkstation, einem abgesenkten Viereck aus Beton. Drumherum, etwa einen Meter höher, haben sich fünf Kühe in den mit Eisenstangen umrahmten Stehplätzen aufgestellt. Mit der Präzision einer Pragmatikerin reinigt Kerstin Igel die Zitzen der Tiere mit Spänen, die aussehen wie sandfarbenes Ostergras. Sie setzt die Sauger der Melkmaschine auf, nimmt sie ab, wenn das Euter leer ist und desinfiziert die Zitzen mit Jod. Nebenbei erzählt sie.

Gülle statt Getränk

"Vor zwei Jahren waren die Preise ganz im Keller. Als der Milchstreik war, lagen wir bei 24 Cent pro Liter. Das reicht nicht zum Überleben." Damals war es Supermarktriesen wie Aldi und Lidl gelungen, die Einkaufspreise von Milchprodukten um bis zu 14 Cent zu drücken. Das gaben die Molkereien an die Bauern weiter. Und die gingen auf die Barrikaden. Im September 2009 füllten sie die Milch nicht in den Lebensmittel- sondern in den Gülletank. Die Bauern formierten ihre Traktoren und ergossen die weiße Flut auf den Äckern. Auch die Igels ließen zehn Tage lang die Milch "weglaufen", verfütterten sie an die Kälber oder machten Dung daraus. Und Kerstin Igel fuhr sogar mit dem Bus nach Brüssel, denn Milch ist große Politik.

Seit knapp dreißig Jahren regulieren die Länder der Europäischen Union die Milchpreise, indem sie die Menge begrenzen, die produziert werden darf. 2008 hat die Europäische Kommission beschlossen, diese Quotenregelung bis 2015 abzuschaffen. "Wenn der Markt überschwemmt ist, gibt es keinen Preis", fürchten Kerstin Igel und Tausende andere Bauern, die aus Ungarn, Frankreich, Luxemburg, Spanien, Österreich, Portugal und Deutschland nach Belgien gereist waren, um vor dem Europaparlament zu protestieren. "Bauern brauchen einen fairen Preis – 40 Cent", stand auf den Bannern. "Wir brauchen eine Mengenregelung", sagt Kerstin Igel.

Den Höfen gehen die Bauern aus

Denn wenn es ein Überangebot an Milch gibt, hat die Preispolitik der Supermarktketten keine Untergrenze mehr. Das könnte das Aus für Familienbetriebe wie den der Igels bedeuten. "Der ganze Knackpunkt ist der Verbraucher", glaubt die Jungbäuerin, "solange der Verbraucher nicht umdenkt und bereit ist, für gute Produkte etwas zu bezahlen, haben wir keine Chance." In Gummistiefeln steht sie in der Frühsonne, eine große, blaue Jacke übergeworfen. Ihre kurzen roten Haare spitzen unter dem dunklen Käppi hervor, auf dem "Bundesverband Deutscher Milchviehhalter" steht. Dort engagierte sie sich schon, bevor sie und ihr Mann vor sechs Jahren den Hof der Schwiegereltern übernommen haben.

Die Alten arbeiten noch mit, aber die Verantwortung liegt jetzt bei den Jungen. Und die wollen den "Trend der Zeit", wie es der Vater Hans Igel ausdrückt, nicht mitgehen. "Wenn ich junge Leute anschaue, die machen alle nicht weiter. Die gehen in eine andere Branche, auch wenn sie einen Superbetrieb hätten", sagt er. Kerstin und Reinhold Igel wollen Milch produzieren. Aber nicht zu den Bedingungen der Discounter. Sie wollen die Produktivität nicht durch Gen-Futter und manipuliertes Saatgut aus den USA steigern, sondern setzen auf regionale Qualität. Ihr Gegenspieler ist mächtig: Die enorme Wirtschaftskraft internationaler Saatgutriesen, Supermarktketten und Massenproduzenten.

Erbsen für die Kuh, Kohle für die Bauern

Die Igels versuchen, den Eiweißbedarf der Tiere mit Erbsen aus Eigenanbau zu decken. Drei Hektar haben sie in diesem Jahr gepflanzt. Sie hoffen, auch die anderen Bauern aus der Milcherzeugergemeinschaft Gräfenberg von diesem Weg zu überzeugen. Deswegen demonstrieren sie für faire Preise, deswegen hoffen sie auf das große Umdenken der Gesellschaft. Wenn der Geldwert ihrer Milch wieder fällt, dann werden sie aufs Neue protestieren – denn es geht um viel. Aber "so schlimm, dass ich aufgeben wollte, war es noch nie", bestärkt Kerstin Igel, "da hängt soviel dran. Man kann nicht einfach sagen: Jetzt schmeiße ich alles hin. Es ist der Hof, die Familie, die Tiere - das kann man nicht einfach so von heute auf morgen wegschmeißen."

Funktionierte das System nach der Logik der Kühe, alles wäre in Butter: Nach der Arbeit kommt der Lohn – und zwar für alle in der Schlange.

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