21. Januar 2018
09:21 Uhr
Deutschland

Vergnügt euch im Namen des Herrn

LOURDES · „Vergnügt euch im Namen des Herrn!“, rufen die Leuchtreklamen, die die Straßen von Lourdes säumen: Ein Crèpes im Café „Eden“, verschiedene belgische Biere in der Brasserie „Jean d´Arc“, ein Bett im Hotel „Paradis“.

„Wer zuerst lacht, hat verloren“, sagen die Mienen der Pilger, die sich auf dem Gelände der katholischen Kirche auf das Heiligtum zu bewegen: die Grotte. Hier ist nach offizieller Lesart dem Bauernmädchen Bernadette vor gut 150 Jahre die heilige Jungfrau Maria erschienen. Heute steht auf der Grotte eine gigantische Basílica, die im Licht der aufgehenden Sonne und im üppigen Grün der Pyrenäen anmutet wie eine Wunderburg.

Pilgerscharen aus aller Welt laufen hier zusammen – sie trinken vom Wasser der heiligen Quelle und verstauen es kanisterweise in den Bussen ihrer Reisegruppen. Für die Gläubigen bietet sich ein volles Programm: Gottesdienste von früh bis spät in verschiedenen Sprachen, Beichtgelegenheiten – das Abschreiten des Kreuzweges.

Täglich um 17 Uhr findet eine Prozession über das Gelände statt, die in einer unterirdischen Basílica endet. Der Zug wird angeführt von unzähligen Kranken: uniformierte Schwestern, Nonnen und Freiwillige aus aller Welt schieben, ziehen oder tragen sie. Einen Moment lang fragt man sich, was all die Menschen mit gekrümmten Gliedmaßen, mit in sich gekehrten, kindlichen Blicken, was die Schlafenden, die Liegenden, mitbekommen von dem Spektakel, das um sie herum stattfindet. Was sie hören vom näselnden Klang der sakralen Lieder, die davon erzählen, dass Gott alles neu macht. Und so weiß man nicht, ob man lächeln oder weinen soll, als einer der jungen Männer im Rollstuhl mit kindlichem Lachen dem Publikum zuwinkt – den Gesunden, die dieses Defilé der Gebrechen beäugen und deren Gesichter mehr sagen, als ihnen lieb sein mag.

Der Höhepunkt des Besuchs in Lourdes ist für die Gläubigen das Berühren der Grotte: Eine halbkreisförmige Einkerbung im Fels, hinter der sich ein kleiner See verbirgt, den man nicht sieht. Ab elf Uhr morgens öffnen sich die Absperrungen – und Schritt für Schritt nähert sich der Einzelne dem großen Moment. Am Eingang der Grotte steht eine große Spendendose. Danach passiert die Besucher eine mit Plexiglas versperrte Ecke. Dort liegen Blumensträuße - und ein kleines, beleuchtetes Loch gibt einen Blick auf das sprudelnde Quellwasser frei. Manche haben Fotos ihrer Lieben dabei, die sie am Fels entlang streifen.

Eine ältere Dame weint, als sie ihre Hand ausstreckt, damit Wasser von der Felsdecke darauf tropft. Ihre Geste mutet an wie ein Ausdruck tiefer Ergriffenheit, das Berühren des kühlen, feuchten Steins scheint wie die Ankunft nach einer langen Reise. Wie sich dann herausstellt, steckt jedoch etwas anderes hinter den Tränen: Die Spanierin weint vor Schmerz. Kurz zuvor ist sie gestürzt, hat sich den Fuß verletzt – und ihre Reisegruppe aus den Augen verloren.

Zurück in der Gruppe

Nun quält sie sich mit Tränen in den Augen aus der Grotte und murmelt leise das Programm der Reisegruppe vor sich hin: erst ins Hotel, dann ins Restaurant – ihre Stimme zittert. Andere Besucher werden auf sie aufmerksam, ein Krankenwagen kommt. Als sie darin liegt, sind ihre Augen wieder klar. Es scheint, als strahle ihr Gesicht vor Stolz, Freude und der Gewissheit, wieder zur Gemeinschaft zu gehören.

Die anderen Pilger verlassen die Grotte mit verklärtem Blick, aber nur selten so abwesend, dass ihnen nicht ein Auge für das Verhalten der Anderen bliebe. Grüppchen singen „Ave María, ave María und wieder Ave María“. In der Luft liegt der schwere Duft von Weihrauch. Im Mekka für konsumfreudige Katholiken, einem der zahlreichen Souvenierläden wie etwa dem Palais du Rosaire, sitzt der Gelbeutel locker – und wenn es eng wird, darf der Nächste schon einmal übersehen und gestoßen werden. Beim Kauf der Devotionalien, Kanister, Fläschchen, T-Shirts und anderer Objekte mit dem María-Emblem scheint es zuweilen, als müsste der Glaube durch Eifer und Investitionen bewiesen werden. Für die allabendliche Prozession gibt es Kerzen zu Preisen von 50 Cent bis 260 Euro.

Singen, beten, trinken

Auch ein paar verstreute Bettler haben sich hierher zum Ort der Nächstenliebe durchgeschlagen – aber gern gesehen sind sie nicht. Eine Frau sitzt mit zu einer Schale gefalteten Händen auf dem Boden, als ein Fuß leicht an den Becher kickt, der vor ihr steht. Die paar Cent, die darin liegen, klimpern. Vier Uniformierte sind plötzlich aufgetaucht – und verschwinden ebenso schnell wieder, nachdem sie die Frau verscheucht haben.

Am Abend treffen sich die Pilger noch einmal zu einer beeindruckenden Lichterprozession auf dem Areal des Heiligtums. Noch einmal wird gesungen und gebetet, dann zerstreut sich die Menge wieder. Dicke Reisebusse schieben sich durch die engen Straßen von Lourdes und endlich, endlich darf gelacht werden, wenn sich die Touristen in den Bars, Brasserien und Restaurants auf ein Bier treffen.

Unbeeindruckt von all dem fließt die Gave – ein grüner, schwerer, schneller Fluss, gegen dessen Strom sich manchmal kleine Wellen bilden: wie ein stiller, stetiger Widerstand.

Anmerkung der Autorin: Die Subjektivität dieses Textes ist kein Ausdruck der Verachtung gegenüber ehrlicher Gefühle gläubiger Menschen. Schließlich münden am Ende alle, Strom und Wellen, im Meer. 

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